Der Laut i  



Das heutige i geht auf drei unterschiedliche altdeutsche Ursprünge zurück: kurzes i, io und ui. 
Alle diese drei altdeutschen Urlaute haben sich hochdeutsch und hochschwäbisch jeweils in unterschiedliche Richtungen hin weiterentwickelt. 


Altdeutsch einst kurzes i

Das altdeutsche kurze i taucht hochdeutsch und hochschwäbisch teils als kurz gebliebenes i und teils als seitdem lang gewordenes i auf.   

Anmerkung: Das altdeutsch einst lange i wurde in mitteldeutscher Zeit (ca. 1050 bis 1350 n. Chr.) zu ei. Im ganzen oberdeutschen Sprachraum wird dieses ei klar vom altdeutschen ai unterschieden. Hochdeutsch wurde es in der Aussprache noch weiter zu ai verschoben und mit dem altdeutschen ai zusammengeworfen, wird aber inkonsequent weiter als ei geschrieben.  


Altdeutsch einst io 

Im Altdeutschen war io in der Regel der Umlaut zum Grundlaut uo.  
Der Grundlaut uo wurde hochdeutsch zu u (Fuß, Hut). In dessen Gefolge wurde sein Umlaut io hochdeutsch zu ü (Füße, Hüte). Im Hochdeutschen taucht das alte io deshalb als ü auf.

Im Hochschwäbischen wurde der altdeutsche Grundlaut uo zu ua. In dessen Gefolge wurde sein Umlaut io zu ia. Im Hochschwäbischen taucht das alte io deshalb als ia auf. Es gilt also: 
altdeutsch fuos > fiosi, hochdeutsch Fuß > Füße, hochschwäbisch Fuas > Fias.  
altdeutsch guot > gioti, hochdeutsch gut > Güte, hochschwäbisch guad > Giade. 

Ausnahme 1: Bei nachfolgendem Nasallaut wurde io zu äa: 
altdeutsch riomo, dionon, bliomlin 
hochdeutsch Riemen, dienen, Blümchen 
hochschwäbisch Räama, däana, Bläamle . 

Ausnahme 2: Bei nachfolgendem n+Reibelaut wurde io zu ae (a und e getrennt gesprochen): 
altdeutsch finf, linsi, finstar 
hochdeutsch fünf, Linsen, finster
hochschwäbisch faef, Laesa, faeschder 

Altdeutsch einst iu

Hochdeutsch wurde das altdeutsche iu zunächst zu ie verflacht (i und e noch getrennt gesprochen). Später fiel zudem die Sprechung des e vollständig weg, das i wurde zum langen i. Das weggefallene e wurde aber in der Schreibung ie beibehalten.  

Hochschwäbisch wurde das altdeutsche ui oft durch Metathese (Positionstausch) zu ui. Das i wie das u blieben somit erhalten. Weniger oft wurde iu zu ei. Beispiele: 

altdeutsch 

hochschwäbisch 

hochdeutsch 

diu, siu, kniu 

dui, sui, Gnui 

die (Sg.), sie (Sg.), Knie  

niu, fiur, schiur 

nui, Fuier, Schuier 

Scheuer (Scheune) 

liuti 

Leit 

Leute 



Der Laut y 


Europaweite Aussprache als i


Der Buchstabe Y kommt aus dem Griechischen. Bereits zur Zeit der Geburt Jesu wurde er aber nicht mehr als ü, sondern als i ausgesprochen (so genannter "Itazismus des Altgriechischen), und kam mit dieser i-Aussprache über das Lateinische in alle europäischen Sprachen. 

Deshalb wird bis heute europaweit das vokalische y als i ausgesprochen. So zum Beispiel englisch lucky und funny, o happy day, italienisch und spanisch ritmo Rhythmus, italienisch cilindro Zylinder, Egitto Ägypten und piramidi Pyramiden usw., französisch system System, cylindre Zylinder usw. 

Die schwäbische Sprache folgt diesem europäischen Standard.
 Das y wird in allen Wörtern ausnahmslos als i ausgesprochen, z. B. in Hypochonder, Hippolyt, Syrien, System, Xylophon, Zylinder usw. 

Ein nettes Beispiel dafür ist das nebenstehende humorige Gedicht von Martin Lang (1883-1955). Es wurde 1912 erstmals veröffentlicht in seinem Büchlein "Spatzaweisheit" (zahlreiche Auflagen, zuletzt 1993). Die Reimung von "Hippolyt" mit "Britt" lässt die Aussprache des y als i klar erkennen. Wer genau hinhört, bemerkt zudem, dass die Endung "-yt" mit kurzem i gesprochen wird, analog zu den Wörtern mit der Endung "-it". Diese werden schwäbisch allesamt mit kurzem i gesprochen, zum Beispiel Appetit, Bandit, Granit, Kredit usw. 


Das Problem: Der hochdeutsche Alleingang mit ü-Aussprache  

Das Hochdeutsche schert mit seiner erst nach 1700 konstruierten retro-ü-Aussprache unnötig aus der gesamteuropäischen i-Aussprache aus. Es steht europäisch gesehen völlig eigensinnig und isoliert da. Das Hochdeutsche hat mit dieser ü-Aussprache eine Leiche im Keller. 


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