Wissenschaftliche Kriterien für Schwäbisch

Wia fendet-mor raus, waas Schwäbisch isch ? 


1.  Die Kenntnis der Entstehung des Schwäbischen 


Für das Verständnis des Schwäbischen ist die Kenntnis seiner Entstehung entscheidend. Es ist eine Nachfolgesprache des Altoberdeutschen (dunkelgrüner Bereich der Karte). Hochschwäbisch entstand in dessen südwestlichem Bereich, und hat seine Form im Wesentlichen bereits um 1450 n. Chr. angenommen. Weitere Nachfolgesprachen des Altoberdeutschen sind das Bairisch-Österreichische und das Alemannische. Sie sind durch ihre gemeinsame Herkunft bis heute eng mit dem Schwäbischen verwandt und zeigen in vielem eine ähnliche Grammatik.

Das Hochdeutsche dagegen entstand im östlichen Bereich des Mitteldeutschen (mittelgrüner Bereich der Karte). Dort lebte und wirkte Dr. Martin Luther. Erst nach 1650 n. Chr. formten akademische Sprachverbesserer aus seinem "Lutherdeutsch" entsprechend ihren eigenen Vorstellungen daraus vollends das heutige Hochdeutsche.

Die schwäbische Sprache ist kein (!) degeneriertes Hochdeutsch. Jeder Vergleich von Schwäbisch und Hochdeutsch nach dem Motto: "Was hat das Schwäbische am Hochdeutschen verändert?" ist wissenschaftlicher Quatsch! Denn die Vorgänger von Hochschwäbisch und Hochdeutsch, das Oberdeutsche und das Mitteldeutsche, gingen schon vor fast tausend Jahren getrennte Wege. 



2.   Das im Alltagsgespräch ungefragt gehörte Schwäbisch 

Ich nehme nur solche Formulierungen auf, die ich in einem Alltagsgespräch unter alteingesessenen Schwaben beiläufig mitgehört habe und nicht erfragt habe. Dieses beiläufig mitgehörte Alltagsschwäbisch ist authentisch. Hier lassen sich Aussprache, Wortschatz und Grammatik klar erkennen.

Warum ist nur ungefragt gehörtes Schwäbisch authentisch? Werden Schwaben direkt befragt, antworten sie in der Regel in einer Art Mikrofonschwäbisch. Sie wählen unbewusst eine solche Sprachebene, die sich dem/der auf hochdeutsch Fragenden ein Stück weit annähert. In der Physik ist dies als Subjekt-Objekt-Problem bekannt: Die fragende Subjektsperson hat ungewollt Auswirkungen auf die Antworten der befragten Objektspersonen. Ein Beispiel: Der Befragte hat zunächst mit "mir hend" erzählt. Nach einer Zwischenfrage des Interviewers fährt er mit "mir habet" fort. Warum? Weil der Interviewer auf Hochdeutsch zwischengefragt hat: "Wie haben Sie ...?"

Ebenfalls untauglich ist es, kommunale Angestellte nach der örtlichen Mundart zu fragen. Sie neigen zu einer Art Beamtenschwäbisch. Ihre Auskünfte weichen mehr oder weniger stark vom tatsächlichen örtlichen Sprachgebrauch ab. Die alteingesessenen Bürger/innen sprechen unter sich, auf der Straße, unter Verwandten oder am Stammtisch ihr überliefertes und authentisches Schwäbisch, nicht das auf dem Rathaus.  


3.   Die klassische schwäbische Mundartliteratur   

Ich nehme bei meiner Forschung bewusst Bezug auf solche Autoren, die sich eine durchdachte Darstellung ihrer Mundart zum Ziel gesetzt haben. Zu diesen gehören zum Beispiel Michael Buck, Karl Hötzer, Fritz Holder, Matthias Koch, August Lämmle, Wilhelm König, Rudolf Paul, Friedrich E. Vogt, Carl und Richard Weitbrecht. Die meisten dieser Autoren geben zudem an, wie sich bei ihnen Aussprache und Verschriftlichung zueinander verhalten. Derartige Hinweise sind ein Kennzeichen gut reflektierter Autorenschaft. 

Wissenschaftlich untauglich ist die, angeblich schwäbische Mundartliteratur, die seit etwa zwei Jahrzehnten den Büchermarkt überschwemmt. Ein gutes, stilsicheres und reflektiertes Schwäbisch ist in ihr nicht mehr zu finden. Es geht um Unterhaltung und billige Lachnummern. Sprachliches Niveau ist nicht das Ziel, das angebliche Schwäbisch bereits hochdeutsch beschädigt. 



4.  Das "Schwäbische Wörterbuch" Hermann Fischers 

Das 7-bändige Schwäbische Wörterbuch von Hermann Fischer umfasst den ganzen schwäbischen Sprachraum, auch die Bereiche außerhalb Württembergs. Es dient in allen Zweifelsfällen als kritischer Prüfstein für die Frage, was genuines Schwäbisch ist. Es bietet das Schwäbische auf dem letztgültigen Stand vor der heutigen Hochdeutschifizierung. 

Beachtet werden muss aber: Fischer stellt alle Sprachregionen des ehemaligen Königreichs Württemberg dar. Sein Wörterbuch enthält deshalb nicht nur Schwäbisch, sondern auch Fränkisch. Er listet seine Belege nach Oberämtern auf, die er von Norden nach Süden ordnet. Dadurch stehen die Wortformen aus den württembergisch-fränkischen (!) Oberämtern am Anfang; danach erst folgen die Wortformen aus den württembergisch-schwäbischen Oberämtern. Die Wortformen aus den fränkischen Oberämtern Württembergs müssen aber fürs Schwäbische außen vor bleiben! Das betrifft zum Beispiel das fränkische "net" nicht. Schwäbisch wird seit jeher überall "et" gesprochen; die Form "net" taucht da erst ab etwa 1960 als eindeutig hochdeutsch beschädigtes Pseudoschwäbisch auf. 


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