Die Leichen ai und ei 


Das Hochdeutsche hat eine Menge Leichen im Keller. Auch im Bereich der Aussprache und der Schreibung. Viele Laute werden nicht so geschrieben, wie sie gesprochen werden. Wir merken das nur nicht, weil wir in der Schule beim Schreiben lernen automatisch die lautlich falsche Schreibung gelernt haben. (Darauf weist natürlich kein*e Lehrer*in hin!). Zu den davon betroffenen Leichen zählen unter anderem die beiden Diphthonge ai und ei.


Schreibung ei - Sprechung ai

Im gesamten deutschen Sprachraum gab es jahrhundertelang, bis etwa um 1500 n. Chr., ein Nebeneinander der beiden unterschiedlichen Diphthonge ai und ei. Das Hochdeutsche hat in der Folgezeit deren Aussprache unterschiedlos zu "ai" zusammengeworfen, deren Schreibung dagegen zu "ei". Das "Hoch"deutsche hat sich da ziemlich blöd angestellt, denn nun widersprechen sich Aussprache und Schreibung! 

Geschrieben wird nun ein, weit, breit, bleiben usw. Gesprochen wird aber ain, wait, brait, blaiben usw. In der Schule haben wir demzufolge brav gelernt, "ei" zu schreiben, obwohl wir "ai" sprechen sollten Einfach krass! Von wegen "Hochdeutsch schreibt man so, wie man es spricht!"

Mit dem Zusammenwerfen von "ai" und "ei" und dann auch noch falscher Zuordnung von Schreibung und Sprechung hat das Hochdeutsche eine klare Leiche im Keller!  


Eier an Weihnachten?


In Süddeutschland ist das wunderschöne Weihnachtslied "In dulci jubilo" entstanden,
 mit seinem Refrain "Eia, wär´n wir da" - also da, wo man "ai" und "ei" deutlich unterscheidet. Süddeutsche, österreichische und deutschschweizerische Sänger/innen 
singen "ei" als "ei", und nicht als "ai"!

Nicht so in Norddeutschland. Da folgen die Sänger/innen dem einfältigen "Hoch"deutschen
 und singen "ei" als "ai", also: "aia, wär´n wir da". 
Aber Achtung: In deren Deutsch wird auch "Eier" als "aia" gesprochen. 
Sie begrüßen also "Eier", wenn sie singen "aia, wär´n wir da." 
Wir raten norddeutschen Sänger/innen dringend von diesem Weihnachtslied ab! 
Süddeutsche lachen sonst über Euch! 



Sie glauben das mit dem ei und ai nicht?

Dann lesen Sie im "Deutschen Wörterbuch" der Brüder Grimm (der sogenannten "Bibel der Germanisten") mal deren Klage über das hochdeutsche Zusammenwerfen der beiden Diphthonge ei und ai: "Ei, ein diphthong, in welchem uns ursprünglich geschiedne laute höchst nachtheilig zusammen rinnen.



Tabellarischer Vergleich

Schreibung hochdeutsch  

Sprechung hochdeutsch 

Sprechung hochschwäbisch 

mein, dein, kein, klein, 
Seife, Weißwein, 
ich sei, ich weiß, ich meine 
reinigen, schreiben 

ain, main, dain, kain, klain,  
Saife, Waiswain, 
ich sai, ich wais, ich maine 
rainign (!) schraibn (!) 

mae, dae, koe (!), gloe (!), 
Såef, Weiswae (!),
i sei, i wåes, i moe (!) 
raenicha, schreiba 


Das Hochdeutsche  
wirft die beiden Diphthonge ai und ei instinktlos zusammen. Dies aber widersinniger Weise  so, dass die Sprechung zwar immer "ai" ist, die Schreibung aber immer "ei".


Das Hochschwäbische
unterscheidet die beiden Diphthonge ai und ei durch eine klar unterschiedene Sprechung. Das ai wird zu ae (nicht ä!). 
Das ei bleibt ei.


Auch das Englische 

unterscheidet klar ai und ei. 
Die Schreibung ist allerdings etwas konfus. Beispiele:
ai: my, why, light, wide, to lie 
ei: they, weight, made, to lay 



Unglaublich, aber wahr
 

Aber die Sache geht noch weiter: Der Duden schreibt für Wörter, die im Englischen mit einem wunderschönen ei (also nicht mit ai!) gesprochen werden, eine geradezu schwachsinnig klingende "hoch"-deutsche Aussprache mit langem e vor: Aus der schönen englischen homepage wird dudendeutsch eine debile hoompeetsch, aus cape wird keep, aus facebook wird schwachsinniges feesbuk. Das ist debiles Flachdeutsch, was der duden da propagiert, alles andere als "Hoch"deutsch. 


Das vom Hochdeutschen produzierte Problem für die Schreibung des Schwäbischen 


Die Leichen im Keller des Hochdeutschen (eigentlich ist sie ja "Laichen") machen eine Schreibung der hochdifferenzierten schwäbischen Aussprache unmöglich. Wer der verarmten hochdeutschen Schreibung folgt, gerät unweigerlich in Probleme. Beispiele: 

Meinen sie mit geschriebenem "sei" den Konjunktiv "sei", schwäbisch mit ei als "sei" gesprochen? 
Oder meinen sie den Infinitiv "sein", schwäbisch mit ae als "sae" gesprochen?

Meinen sie mit geschriebenem "Weile" einen Zeitraum, schwäbisch mit "ei" gesprochen? 
Oder meinen sie ein Wehwehchen, schwäbisch mit "ae" als Waele gesprochen?

Meinen sie mit geschriebenem "neidig" das hochdeutsche "neidisch", schwäbisch "neidich" gesprochen? Oder meinen sie das hochdeutsche "nötig", schwäbisch mit "ae" als "naedich" gesprochen?


Man muss die dasbegrenzte und enge Hochdeutsche verlassen, denn die Unterscheidung von ei und ai gehört zum Kerngeschäft der schwäbischen Sprache. Die Unterscheidung von "ei" und "ae" (schwäbisch "ae"  gesprochen) wird benötigt, um solche Wörter unterschieden, die sich ähnlich sind, aber jeweils einen ganz anderen Sinn besitzen. Die meisten Mundartschreiber*innen haben von diesem Kerngeschäft allerdings keinerlei Ahnung. Deshalb schreiben sie brav und bieder nur das hochdeutsche ei und bemerken nicht, was sie damit anrichten. Denn was meinen dann Mundartschreiber*innen, wenn sie ausschließlich "ei" schreiben? Nur ein paar Beispiele: 


Literaturempfehlung

Eine konsequente und sehr gut differenzierte Schreibung von ei und ae findet sich in der "Bibel für Schwaben" von Rudolf Paul (1933-2021). 

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