Die Leichen ai und ei 



Das Hochdeutsche hat eine Menge Leichen im Keller. Auch im Bereich der Aussprache und der Schreibung. Viele Laute werden nicht so geschrieben, wie sie gesprochen werden. Wir merken das nur nicht, weil wir in der Schule beim Schreiben lernen automatisch die lautlich falsche Schreibung gelernt haben. (Darauf weist natürlich kein/e Lehrer/in hin!). Zu den davon betroffenen Leichen zählen die beiden Diphthonge ai und ei.


Schreibung ei - Sprechung ai 

Das Hochdeutsche hat die jahrhundertelang klar unterschiedenen Diphthonge ai und ei instinktlos zusammengeworfen, nach dem Motto "aus zwei mach eins". Gesprochen werden soll jetzt zwar nur noch "ai" - aber geschrieben werden soll immer "ei". Also haben wir in der Schule brav gelernt, "ei" zu schreiben, obwohl wir "ai" sprechen. Einfach krass! Von wegen "Hochdeutsch schreibt man so, wie man es spricht!" 

Mit dem Zusammenwerfen von "ai" und "ei" und dann auch noch falscher Zuordnung von Schreibung und Sprechung hat das Hochdeutsche eine klare Leiche im Keller! 

Schreibung hochdeutsch  

Sprechung hochdeutsch 

Sprechung hochschwäbisch 

mein, dein, kein, klein, 
Seife, Weißwein, 
ich sei, ich weiß, ich meine 
reinigen, schreiben 

ain, main, dain, kain, klain,  
Saife, Waiswain, 
ich sai, ich wais, ich maine 
rainign (!) schraibn (!) 

mae, dae, koe (!), gloe (!), 
Såef, Weiswae (!),
i sei, i wåes, i moe (!) 
raenicha, schreiba 


Das Hochdeutsche  
wirft die beiden Diphthonge ai und ei instinktlos zusammen. Dies aber widersinniger Weise  so, dass die Sprechung zwar immer "ai" ist, die Schreibung aber immer "ei".


Das Hochschwäbische
unterscheidet die beiden Diphthonge ai und ei durch eine klar unterschiedene Sprechung. Das ai wird zu ae (nicht ä!) und nach Nasallauten zu oe (nicht ö!); das ei bleibt ei.


Auch das Englische 

unterscheidet klar ai und ei. 
Die Schreibung ist allerdings etwas konfus. Beispiele:
ai: my, why, light, wide, to lie 
ei: they, weight, made, to lay 


Sie glauben das mit dem ei und ai nicht?

Dann lesen Sie mal im "Deutschen Wörterbuch" der Brüder Grimm (der sogenannten "Bibel der Germanisten") deren Klage über das hochdeutsche Zusammenwerfen der beiden Diphthonge ei und ai: "Ei, ein diphthong, in welchem uns ursprünglich geschiedne laute höchst nachtheilig zusammen rinnen." Dann vergleichen Sie den Aussprache-Duden dazu. Der stellt sich da völlig taub. 


Das Problem für die Schreibung des Schwäbischen 

Man muss es echt beklagen: Die allermeisten Mundartschreiber/innen haben leider keinerlei Ahnung davon, dass die Unterscheidung von ei und ai zum Kerngeschäft der schwäbischen Sprache gehört. Sie haben auch keinerlei Ahnung von dieser Leiche im Keller des Hochdeutschen. Deshalb schreiben sie brav und bieder nur ei - und merken nicht, dass das Schwäbische ei und ai sauber getrennt hält und nach einer unterschiedlichen Schreibung geradezu schreit! Hochdeutsche Leser werden deren schwäbisch-mundartliche Texte chronisch falsch aussprechen, weil sie nur "ai" sprechen.

Dazu kommt dann das Problem: Was meinen dann Mundartschreiber/innen, wenn sie "ei" schreiben?  
> Meinen sie mit geschriebenem "sei" den Konjunktiv (schwäb. mit "ei" gesprochen) oder den Infinitiv "sein" (schwäb. "sae" gesprochen)? 
> Meinen sie mit geschriebenem "Weile" den Zeitraum (schwäb. mit "ei" gesprochen) oder ein Wehwehchen (schwäb. mit "ae" gesprochen)? 
> Meinen sie mit geschriebenes "neidich" das hochdeutsche "neidisch" (schwäb. mit "ei" gesprochen), oder hochdeutsch "nötig" (schwäb. mit "ai" gesprochen)? 


Empfehlung: Eine sehr gut differenzierte Schreibung von ei und ae findet sich dagegen in der "Bibel für Schwaben" von Rudolf Paul (1933-2021). 

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