Die schwäbischen Artikel
D schwäbische Artiggl
Bisher fand die Grammatik der Artikel in der Literatur über die schwäbische Sprache in keinster Weise Beachtung, weder in der Mundartliteratur noch in der Germanistik. Einzige Ausnahme sind die ansatzweisen Angaben im Büchlein von Karl Bohnenberger (1863-1951), Die Mundarten Württembergs.
1. Der bestimmte Artikel
Alle germanischen und romanischen Sprachen besaßen ursprünglich keinen bestimmten Artikel. In ihnen allen ist der heutige bestimmte Artikel aus dem ursprünglichen Demonstrativpronomen heraus entstanden.
Das altdeutsche Demonstrativpronomen lautete im Singular der, diu, daz, und im Plural dien [i und e noch getrennt gesprochen!]. Diese Demonstrativpronomen sind für den hochdeutschen wie den hochschwäbischen bestimmten Artikel der gemeinsame Ausgangspunkt. Die Entwicklung ging aber hochdeutsch und hochschwäbisch in völlig unterschiedliche Richtungen.
Das Hochdeutsche verschob das alte Demonstrativpronomen vollständig zum bestimmten Artikel.
Nun fehlte dem Hochdeutschen aber ein Demonstrativpronomen. Es entwickelte dafür ein völlig neues Demonstrativpronomen mit s: dieser, diese, dieses. Als diese neuen Formen gebildet wurden, waren Hochschwäbisch und Hochdeutsch bereits getrennt. Die hochdeutschen s-Demonstrativpronomen kommen deshalb in einem rein erhaltenen Hochschwäbischen nicht vor. In der klassischen schwäbischen Mundartliteratur sucht man deshalb vergeblich nach diesen Demonstrativpronomen.
Nominativ und Akkusativ: Das Hochdeutsche hat die Angleichung der Formen von Nominativ und Akkusativ weiblich (die), sächlich (das) und pluralisch (die) durchgeführt; unerklärlicherweise unterblieb die Angleichung männlich (der - den).
Das Hochschwäbische hat das alte Demonstrativpronomen beibehalten und zugleich ausdifferenziert.
Es entstanden zwei komplette parallele Formenreihen, betonte und unbetonte Formen. Die betonten Formen blieben weiterhin bestimmter Artikel, die unbetonten Formen wurden zum bestimmten Artikel. Nachfolgend sind beispielhaft die Formen des Nominativs aufgeführt:
männlich | dor/dr/da Mã Mann | meist verbreitete Form dor, mit leichtem o gesprochen |
weiblich | d Frao Frau | |
sächlich | s Kend Kind | |
pluralisch | d Leid Leute |
Die derzeitige Mundartliteratur bietet fast nur "dr" und "da". Der Grund dafür liegt wohl darin, dass diese skurilen Schreibweisen ergötzlich wirken und dadurch verkaufsfördernd sind.
Nominativ und Akkusativ: Das Hochschwäbische die Angleichung der Formen von Nominativ und Akkusativ vollständig durchgeführt, nicht nur weiblich, sächlich und pluralisch, sondern auch männlich.
Über den bestimmten Artikel hinaus hat das Hochschwäbische auch klare Ansätze zu einem distributiven Artikel entwickelt. Die ersten Anstöße dazu bekam in Alltagsgesprächen unter älteren, noch sicher Schwäbisch Sprechenden. Da hatte ich den Eindruck: Da gehen zwei unterschiedlche Formen des bestimmten Artikels durcheinander. Erst nach längerem gezielten Zuhören fiel mir auf, dass die beiden unterschiedlichen Formen definierbar verwendet wurden. Das müsste doch auch in der klassischen schwäbischen Mundartliteratur belegbar sein? Finden sich da Beweise? Bingo!! Die Forschungsergebnisse und Nachweise sind veröffentlicht in meiner Schwäbischen Grammatik.
Last but not least: In der Universitätsgermanistik herrscht darüber eine vollständige Agnosie. Sie besitzt dafür weder Sensorium noch Forschungsinteresse, da im Hochdeutschen ein solcher Artikel nicht existiert.
2. Das Demonstrativpronomen
Hochdeutsch: Das Neuhochdeutsche hat das althochdeutsche Demonstrativpronomen zum bestimmten Artikel verschoben. Dieser bestimmte Artikel lautet nun männlich der [gesprochen däa!], weiblich die [e nicht mehr gesprochen], sächlich das [a lang] und pluralisch die [ehemaliges en nicht mehr gesprochen].
Hochschwäbisch: Das Demonstrativpronomen ist die starktonige Nachfolgeform des hergebrachten altdeutschen Demonstrativpronomens (Formen siehe oben). Das schwäbische Demonstrativpronomen lautet männlich där, weiblich dui, sächlich dees [mit langem e!], pluralisch dia.
3. Der unbestimmte Artikel
Schwäbisch und Englisch zeigen hier eine große Ähnlichkeit. Die schwäbische Sprache hat, wie das Englische, eine dreifache Differenzierung bewahrt. Sie unterscheidet klar die drei unterschiedlichen Wortarten: den unbestimmten Artikel "a" ein (englisch ebenfalls "a"), das Zahlwort "oe" ein (englisch "one") und das Adverb "ae" ein (englisch "in"). Schwäbisch steht dadurch hier wie in vielem anderen der englischen Sprache deutlich näher wie das Hochdeutsche. Das Hochdeutsche dagegen hat alle drei Wörter zu "ein" zusammengeworfen und wirkt dadurch "ein"-fältig.
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